OpenStreetMap? Geh‘ mir weg damit!

In der letzten Zeit werden immer wieder regelrechte Lobeshymnen auf das OpenStreetMap-Projekt gesungen. Die Präzision der Karten, die Details und das auch kleinste Wege nebst Wanderwegen vorhanden sind, soll diese Karten von allen anderen nach oben hin abheben. Für Ballungszentren mag das richtig sein, aber ich habe direkt ein Beispiel gefunden, wo diese Karten leider komplett untauglich sind.Im nächsten Jahr wäre eine Tour nach Norwegen vielleicht ganz nett, genauer auf die Lofoten. Zuletzt war ich vor gut 15 Jahren dort und daher ist es mehr als überfällig.

Was will ich da? Unter anderem zu fotografisch interessanten Spots – von denen es dort mehr als ausreichend gibt – wandern und dann dort fröhlich rumknipsen und Video-Footage sammeln. Was daraus dann vielleicht werden könnte verrate ich noch nicht.

Die Tage bin ich auf der Suche nach Unterstützung durch die EDV bei der Planung auf Trailrunner mini für den Mac gestossen. Es ist komplett reduziert auf die wesentlichen Funktionen, die für die Planung von Routen vorab benötigt werden, inklusive Darstellung der Höhenprofile, also ziemlich genau das, was man braucht, wenn man ein paar Kilo Ausrüstung durch die Gegend schleppen will.

Zur eigentlichen Planung kam es aber gar nicht. Der Grund ist die unterirdische Qualität der verfügbaren Karten. Trailrunner mini verwendet ausschließlich das Material von OpenStreetMap, das kostenlos verwendet werden kann.
So schön ich Trailrunner mini finde, in diesem Punkt muss ich auch den Entwickler etwas kritisieren, dass er für eine Anwendung, die primär für die Planung von Wanderungen und dergleichen gedacht ist, lediglich eine Kartenbasis verwendet, die dann auch nicht auf diesen Bereich spezialisiert ist. In Düsseldorf oder Berlin will man nicht wandern.

Trailrunner mini

Von Trailrunner gibt es noch eine andere (große) Version, die auch andere Karten unterstützt. Welche das sind und ob die Karten besser sind vermag ich nicht zu sagen. Das Programm habe ich nicht getestet, denn es ist ein ziemliches Feature-Monster. Es geht hier auch überhaupt nicht um das Programm als solches, denn ich hätte vorher ja einmal bei OpenStreetMap.org schauen können, was die Abdeckung ergibt.

Kommen wir also zu OpenStreetMap. Durchs Austvågøya geht ein Wanderweg, der an der Straße 888 gegenüber vom Nordpollen beginnt und zwischen Gjersvoll und Delp endet. Damit fingen die Probleme aber schon an. OpenStreetMap kennt nur Delp und leider sonst gar nichts.

Ich habe hier einmal einen Ausschnitt aus der Karte von OSM:

Die Umgebung von Straumnes in OpenStreetMap

Links im Bild die Kreuzung ist der Ort Straumnes, der in der OSM-Karte nicht einmal erwähnt wird. Der Ort Delp liegt rechts außerhalb dieses Kartenausschnitts, ist nicht eingezeichnet und wird auch an einer falschen Position markiert.

Sucht man nach Straumnes, dann sieht die Karte so aus:

Straumnes wird auf den OSM-Karten falsch markiert

Wir erinnern uns, dass Straumnes genau dort liegt, wo die Straßenkreuzung zu sehen ist und definitiv nicht an der Stelle des Pfeils. Es gibt auch wieder keine Ortsangabe.

Die Umgebung von Straumnes in Google Maps

Es sind nicht nur einige Orte eingetragen, sondern man sieht auch direkt, dass augenscheinlich alle Straßen erfasst wurden, die zumindest mit dem Auto befahrbar sind. Bei OpenStreetMap sieht das leider nicht ansatzweise so aus. Auch Informationen zum Gelände (grüne Flächen) sind vorhanden, damit kann OSM auch nicht dienen.

Die Gegend habe ich mir dann auch im Navigon Navigator anzeigen lassen. Google verwendet ja primär die Kartendaten von TeleAtlas (aka tomtom) und Navigon die meist besseren Daten von Navteq.

Die Umgebung von Straumnes im Navigon Navigator

Wie bereits erwartet enthält diese Karte noch viel mehr Straßen und auch der Ort Straumnes ist mit seiner Ausdehnung erkennbar. Damit kann man leben.

Die kleineren Orte finden aber beide Systeme auch nicht. Aber die Lofoten sind so gut erfasst, dass man auch Nebenstraßen befahren kann.

Halten wir also fest: Gegen die kommerziellen Karten von TeleAtlas und Navteq hat OpenStreetMap leider überhaupt nichts entgegenzusetzen.

Wer nun aber auf den Gedanken kommt, dass es vielleicht gar keine brauchbaren Karten von der gesamten Region gibt und die Norweger ein ähnlich gespaltenes Verhältnis zur Kartographie haben wie die Griechen, der irrt.

Anders als in Deutschland, wo die Tatsache, dass eine Leistung mit Steuergeldern bezahlt wurde eben genau nicht automatisch dazu führt, dass die Zahler diese Daten auch nutzen können, stellen die Norweger das gesamte Land in Form von topografischen Karten kostenlos im Internet zur Verfügung. Die Auflösung ist großartig und man kann sich die Karten auch kostenlos als Geo-JPEG herunterladen.

Schauen wir uns doch die Gegend um Straumnes einfach einmal an:

Die Umgebung von Straumnes auf Norgeskart

Das sieht doch schon deutlich besser aus. Alle Straßen, alle Orte, Wanderwege, Höhenlinien, Geländebeschaffenheit, Seen und Teiche, alles.

Ich bin überfragt, was die Verwendbarkeit dieser Daten im Rahmen von OSM angeht, ob es Bestrebungen gibt auf diese Daten zuzugreifen oder nicht. Das ist mir allerdings auch ziemlich egal.
Gerade die Lofoten gehören zu den Orten, die sehr gerne zum wandern in atemberaubender Natur aufgesucht werden (von den Anglern mal abgesehen). Es ist vollkommen unverständlich, dass es bei OSM nur Karten in der Qualität eines entvölkerten Entwicklungslandes gibt.

Es ist echt erschreckend, wie unvollständig OpenStreetMap in diesem Bereich ist. Es ist noch nicht einmal möglich diese Karten hier als Navigationsbasis für das Auto zu verwenden, weil einfach viel zu wenig Straßen bekannt sind und daher für die Navigation ungeeignet sind. Für Fußgänger oder Radfahrer ist OpenStreetMap ein Totalausfall.

Ich würde mir jetzt wünschen, in Software, die man zur Planung von Wanderungen verwenden soll, auch entsprechendes Kartenmaterial vorzufinden. Die Software dafür muss Geld kosten? Kein Problem! Die Karten sind nicht kostenlos verfügbar? Kein Problem! Der Status Quo ist leider eine ziemliche Enttäuschung. Also doch wieder Karten auf Papier verwenden, die geplanten Wege einzeichnen und mit Höhenlinien rumrechnen und dann entscheiden welche Wege man sich zutraut und in welcher Reihenfolge. Schade, das wäre mal eine hilfreiche Anwendung der EDV gewesen…

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2 Kommentare zu OpenStreetMap? Geh‘ mir weg damit!

  1. Berbie sagt:

    Hi Pjoerk,

    danke für Dein Review. Wenn Du Deinen Urlaub noch nicht abgeblasen hast, dann helfen Dir vielleicht diese Infos weiter:

    Off-road routing und andere Hintergrundkarten.
    http://trailrunnerx.com/trailrunnermini_de_help/files/tag-routenplanung.php

    Lieben Gruß und alles Gut für 2012
    – berbie.

  2. pjoerk sagt:

    Das hatte ich schon gesehen. Das Problem ist halt: Um Offroad-Routen anlegen zu können braucht es einen groben Anhaltspunkt. Der ist halt bei OSM überhaupt nicht gegeben, da stochert man komplett im leeren Raum herum. Und es gibt ja in den Bereichen auch keinerlei Höheninformationen, daher würde es auch nichts helfen, eine andere Karte über die vorhandene zu legen.

    Ist auch kein Vorwurf. Man muss sich halt für eine Kartenbasis entscheiden – und wenn die Karten keine weiteren Kosten verursachen sollen bleibt ja leider nur OSM.

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